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Cyber-Mobbing in Zeiten der Pandemie

Lehrende Cyber-Mobbing

Phasenweise findet der Unterricht immer noch vor den Bildschirmen statt. Dadurch verlagern sich vorherrschende Konflikte ins Internet und Vorstufen von möglichem Cyber-Mobbing bleiben verborgen.

Cyber-Mobbing nimmt im Distance Learning zu

Aus unserer neuen Studie zum Thema Cyber-Mobbing geht hervor, dass Jugendlichen zwischen 11 und 17 Jahren eine Zunahme von Cyber-Mobbing in Zeiten von Distance Learning und Home Schooling wahrnehmen. Knapp die Hälfte der Befragten (48 %) stimmt der Aussage zu, dass Cyber-Mobbing in Zeiten von Distance Learning häufiger vorkommt (19 % keine Angabe). Beobachtet werden vor allem abwertende Gesten, wenn sich KlassenkameradInnen zu Wort melden, der bewusste Ausschluss von schulischen Informationen sowie das Erschweren des Mitlernens durch absichtliche Störungen und Ablenkungen. Cyber-Mobbing findet also sehr oft vor den Augen der Lehrenden statt.

Alle Studienergebnisse finden Sie hier!

Klassendynamik genau beobachten

Ein plötzlicher Wechsel ins Distance Learning kann Cyber-Mobbing begünstigen und Konfliktsituationen rasch ausufern lassen. Bestehende Konflikte können nun nicht mehr persönlich im Klassenzimmer ausgetragen werden, sondern verlagern sich ins Internet. Im Klassenzimmer sind verbale und nonverbale Anzeichen für mögliches Mobbing für Lehrende noch eher wahrnehmbar. Beim Unterrichten über Bildschirme bleibt hingegen vieles verborgen. Daher ist es besonders wichtig, Dynamiken genau zu beobachten.

Das Leben der Klasse verlagert sich in die Online-Welt

Das Schuljahr 2020/21 war für Schulklassen in der Sekundarstufe eine besondere Herausforderung. Nur wenige Wochen waren die Jugendlichen physisch im gleichen Klassenzimmer anwesend. Dann wurde der Präsenzunterricht auf wechselnde Gruppen umgestellt oder überhaupt auf Online-Plattformen verlagert. Im Moment findet der Unterricht zwar primär im Klassenzimmer statt, immer wieder wird der Präsenzunterricht aber vom Distance Learning durchkreuzt.

Beim Distance Learning bleibt wenig Raum für gruppendynamische Prozesse im gewohnten Sinne – weshalb sich auch diese in den Online-Raum verlagern: in WhatsApp-Gruppen, in den Online-Unterricht oder in Soziale Netzwerke und Spieleplattformen.

Auch Lehrpersonen stellt dies vor Herausforderungen – vor allem dann, wenn es sich um neue Klassen oder Klassen mit neuen SchülerInnen handelt. Die Klassen beim gruppendynamischen Zusammenfinden zu begleiten ist deutlich erschwert durch digitale oder „blended“-Formate (Mischung aus Digital- und Präsenzunterricht).

In vielen Klassen entstehen – ab dem Moment, wo Kinder selbst Zugang zu einem Smartphone haben – WhatsApp-Gruppen. Umso jünger die Kinder sind, desto mehr Wildwuchs entsteht hier. Denn die Kinder erleben sich als selbstwirksam, wenn die von ihnen eingerichtete WhatsApp-Gruppe mehr Aktivität hat als die der anderen. Ist hier kein korrigierendes Element wie eine aufmerksame Lehrkraft aktiv, so kann diese schonmal ausufern.

Es gibt zwar auch in den Lernplattformen Möglichkeiten miteinander zu kommunizieren, diese werden jedoch in der Regel sehr zielgerichtet und nur im Umfeld des Unterrichts genutzt.

Wenn es keine Möglichkeit der informellen Kommunikation in der Klasse gibt, so suchen die Schüler und Schülerinnen solche in der Online-Welt. Es werden also nicht nur die Unterrichtsstunden in den Online-Raum verlagert, sondern auch die Pausen.

Wie können Lehrende Cyber-Mobbing bemerken?

Können Lehrende ihre Schülerinnen und Schüler nicht in der Klasse – oder zumindest als eine gesamte Gruppe erleben, so fehlt mitunter das Bauchgefühl für die aktuelle Situation der Klasse. Es müssen also neue und andere Wege her, wie sich die Lehrkraft ein Bild machen kann:

  • nachfragen
  • zwischen den Zeilen lesen (z. B. in Aufsätzen oder in den Online-Meetings)
  • aktuelle Situation miteinander reflektieren

In der Schule sind in Zeiten der Pandemie viele organisatorische Dinge zu besprechen, da bleibt oft wenig Zeit und Raum für das soziale Leben der Klasse. Lehrende müssen also direkt nachfragen, wie es den Kindern geht. Beispielsweise in KV-Gruppen, im Forum oder direkt im Kommunikationskanal mit einzelnen Kindern. So kann auch miteinander die aktuelle Situation reflektiert werden. Ergänzend stellt sich die Frage, wie LehrerInnen ihre SchülerInnen unterstützen können, sich auszutauschen – in formellen und informellen Settings. Wichtig ist, dass gerade dieser Austausch mitgedacht und auch in didaktische Settings eingeplant wird. Es geht darum, dabei zu unterstützen, förderliche Beziehungen aufrechtzuerhalten oder diese (wieder)aufzubauen.

Eine konkrete Möglichkeit des Hinsehens auf mögliche (unbeobachtete) Eskalationen bieten auch indirekte Rückmeldungen von SchülerInnen. In den Arbeiten der SchülerInnen konnten immer schon Hinweise auf Konflikte oder Mobbing in der Klasse gefunden werden. Auch in den Zeiten der Pandemie gibt es diese Möglichkeit.

Welche Formen hat Cyber-Mobbing im Distance Learning?

Cyber-Mobbing, also das gezielte Fertigmachen einer Person im virtuellen Raum, nimmt unterschiedliche Formen an. Es handelt sich dabei in der Regel um eine Kombination von mehreren Dingen, die sich nicht nur auf eine einzige Online-Plattform beschränken.

  • Sich online über eine Person lustig machen.
    Erkennbar wird dies beispielsweise durch Augenrollen, also immer dann, wenn eine bestimmte Person etwas sagt. Häufiger tritt diese Form des Mobbings aber im Chat auf. Vor allem dann, wenn Lehrende den Chat nicht mitverfolgen oder moderieren, kann es dort zu gezielten Übergriffen auf bestimmte Personen kommen. Beobachten Sie Chats, in denen Sie Einblick haben, wie Klassen-WhatsApp-Gruppe oder Chats in Lernplattformen daher genau.
  • Behinderung im Lernfortschritt.
    Diese Form tritt auf, wenn in MS Teams bzw. in anderen Videoplattformen bestimmten Personen die Rechte zum Sprechen entzogen werden und dies dann als mangelnde Mitarbeit bewertet wird. Gezielter Lärm oder Lachen, wenn eine Person spricht, fällt ebenfalls in diese Kategorie. Weniger offensichtlich sind bewusste Ablenkungen durch beispielsweise „Spieleanfragen“, welche sich für lernschwache SchülerInnen als besonders nachteilig erweisen. Auch der Ausschluss aus Lerngruppen oder von relevanten Informationen sowie das bewusste Ignorieren von Fragen fällt unter Cyber-Mobbing.
  • Cyber-Mobbing in Online-Chats & Sozialen Netzwerken.
    Jugendliche sind Teil unterschiedlicher Gruppenchats. Neben WhatsApp-Gruppen bieten auch Discord oder Chatforen in Digitalen Spielen Raum für Anfeindungen, Beleidigungen und Einschüchterungen. Aber auch auf TikTok, Instagram und Co. kommt es zu hasserfüllten Nachrichten, abwertenden Kommentaren oder gezieltem Ignorieren von bestimmten Personen.
  • Fotos werden zu Memes.
    Nichts ist einfacher als Fotos von einer Online-Videokonferenz aufzunehmen. Und die Wahrscheinlichkeit dort unvorteilhaft auszusehen ist besonders hoch. Diese Fotos werden dann mit negativen Bemerkungen versehen und in Sozialen Netzwerke oder WhatsApp-Gruppen geteilt.

Störungen in Online-Meetings

Je länger der Unterricht online in MS Teams oder Zoom umgesetzt werden muss, desto eher sind Störungen wahrscheinlich. Diese Störungen lassen sich manchmal auf Langweile bei den Schülerinnen oder Schülern zurückführen oder deren Bedürfnis, selbstwirksam zu sein. Aber sie können auch ein Ausdruck von Spannungen in der Klassengemeinschaft sein. Beobachten Sie: Werden immer nur bestimmte Schülerinnen oder Schüler auf stumm geschaltet oder ihnen die Möglichkeit der Beteiligung entzogen? Kann es sein, dass manche Kinder oder Jugendliche so still sind, weil sie Angst haben, von anderen fertig gemacht zu werden? Sind manche in der Klasse bei Beiträgen bestimmter SchülerInnen besonders laut?

Was tun?

Was können Lehrende nun tun, wenn sie das Gefühl haben, dass etwas nicht stimmt? Wichtig ist, aktiv zu werden, auch wenn es noch keine Meldungen von Eltern oder Kindern gibt. So lassen sich Situationen vielleicht schon frühzeitig entschärfen. Fördern Sie den Zusammenhalt und ein positives Klassenklima. Sorgen Sie für ein wertschätzendes Klassenklima – auch im Online-Raum. Ein gutes Klassenklima sorgt für eine positive Lernatmosphäre. Sehen Sie es als Basis, um mit dem Stoff besser voranzukommen.

Unsere Tipps:

  • Aufmerksam sein und Wahrnehmung schärfen
    beobachten und dokumentieren
    zwischen den Zeilen lesen
    auch online auf Einzelpersonen achten
    Beteiligung der SchülerInnen beobachten und so möglichen Rückzug wahrnehmen
  • Ansprechen und im Lehrenden-Team besprechen
    in der Klasse ansprechen und Beobachtungen teilen
    einzelne Kinder direkt befragen
    eventuell betroffenen Kindern Unterstützung und Hilfe anbieten, auch wenn diese zunächst abwehrend reagieren könnten
  • Konkrete Schritte setzen
    Maßnahmen zur Verbesserung des Klassenklimas ergreifen
    externe Expertinnen oder Experten einladen (z. B. zu Online-Workshops an den Tagen, wo alle Kinder im Distance Learning sind)
 Aktiv_gegen_Cyber_Mobbing.pdf

Unterrichtsmaterial: Aktiv gegen Cyber-Mobbing

Tipp

Dieses Unterrichtsmaterial bietet umfangreiche Informationen zum Thema Cyber-Mobbing, sowie Übungen für SchülerInnen.

Veröffentlichung: Dezember 2021

 Flyer_Cybermobbing.pdf

Flyer: Cyber-Mobbing

Tipp

Informativer Flyer für Jugendliche zum Thema Cyber-Mobbing.

Veröffentlichung: Dezember 2021